Schwangerschaftsklischees

Schwangerschaftsklischee

[dropcap]I[/dropcap]ch hätte es kommen sehen müssen. Noch am Anfang meiner Schwangerschaft begegnete ich jeglichen Klischees und Volksweisheiten bestenfalls mit unverhohlener Ignoranz. Ich widmete derartigen Nervereien sogar einen ganzen Artikel. Vielleicht habe ich es deshalb nicht sofort erkannt und mich in Sicherheit gewogen, doch die Anzeichen waren da. Die Frustration über die bonbonfarbene Kleiderinvasion für Mädchen, das Entsetzen über meine unter dem Bauch verschwindenden Füße, das Schluchzen in dem einen und shoppen in dem anderen Moment – ach ja, und die feuchten Augen in jeglichen Lebenslagen. An dieser Stelle kann ich es nicht länger leugnen: Ich bin ein wandelndes, stimmungswechselndes Schwangerschaftsklischee.

Keine Sahnetorte, dafür Pommes und Schokoladeneis

Auf Sahnetorte mit sauren Gurken verzichte ich immer noch, aufgrund einer Laktoseintoleranz nicht nur meinen Mitmenschen zuliebe, sondern auch, weil der bloße Gedanke daran, die morgendliche (in meinem Fall ganztägige) Übelkeit wieder anregt. Jedoch lösen Pommes und laktosefreies Schokoladeneis (natürlich nicht zusammen, aber in einem kurzen zeitlichen Abstand) wahre Glücksgefühle bei mir aus.

Zugegeben, ich liebte Pommes schon vor und ich werde sie mit Sicherheit ebenso nach der Schwangerschaft lieben, genau wie Schokoladeneis (mir läuft schon beim Schreiben das Wasser im Mund zusammen). Das Tolle daran, eine Rumkugel auf Zeit zu sein, ist, dass keiner mir meine hungrigen Wünsche abschlägt.

So auch nicht der baldige Papa, der mir sogar abends um zehn geduldig (und in der Annahme, dass dieser Zustand bald vorbei ist) eine Ladung Pommes in den Ofen schiebt.

Stimmungsschwankungen

Gesättigt, zufrieden und rund (ich schwöre, das kommt von der Schwangerschaft) begebe ich mich nach meinem kleinen Snack ins Badezimmer. Leider führt der Weg dahin an einem riesigen, gnadenlosen Spiegel vorbei. Ich bleibe an meinem Spiegelbild hängen. Gott, ich könnte gut und gerne eine Karriere als Marshmallow einschlagen. Erschüttert über den Kugelfisch, der mich aus dem Spiegel vorwurfsvoll ansieht, lassen sie nicht lange auf sich warten: die allseits bekannten feuchten Augen. Schluchzend watschel ich (müssen Schwangere wirklich wie Enten laufen?) ins Wohnzimmer zurück. Das Radio läuft. Die Musik gefällt mir. Ich habe Lust zu tanzen. Gesagt, äh gedacht, getan – und zwar quer durchs Wohnzimmer.

Scheinbar gefällt das nicht nur mir, sondern auch Würmchen. Sie beginnt, sich zu bewegen. Oh, sie bewegt sich. Unmittelbar muss ich daran denken, dass es nicht mehr lange dauert, bis ich sie im Arm halten werde. Wieder kommen mir die Tränen. Ich frage mich, wie ich das alles schaffen soll. Meine feuchten Augen entwickeln sich zu gewaltigen Wasserfällen. Ich weiß nicht warum, aber auf einmal muss ich an einen Witz denken und beginne lauthals zu lachen. Mein Verlobter sieht mich sichtbar verdutzt an, sagt aber – wie so oft – keinen Ton. Ich glaube ihn etwas von „Schwangerschaftsklischee“ murmeln zu hören, während ich schon wieder durch den Raum tanze.

Bildquelle: David Leo Veksler – Flickr.com (CC BY-SA 2.0)

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