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Fehldiagnosen bei Kindern – Unwissenheit, Schlamperei oder Profitgier?!

Der Begriff „Fehldiagnose“ ist vielseitig; sagt im Kern aber aus, dass es sich um eine durch den Arzt oder Patienten selbst gestellte Diagnose handelt, die der eigentlich bestehenden Krankheit nicht entspricht. Falsch gedeutete Krankheitssymptome sowie falsche Anamnesedaten und/oder eine Vernachlässigung der ärztlichen Sorgfaltspflicht können dazu führen. Auch wenn der Begriff nicht auf den medizinischen Bereich festgelegt ist, findet er dort am häufigsten Verwendung. Mit Recht? lautet die Frage. Schließlich wurden durch die Gutachterstellen der Ärzteschaft im Jahr 2010 bei 2.199 Patienten falsche Diagnosen bzw. Behandlungen festgestellt. In Folge verstarben sogar 87 Patienten. Doch widmen wir uns ganz konkret folgend dem Thema: Fehldiagnosen bei Kindern!
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Fehldiagnosen bei Kindern im Bereich der Psyche

Fehldiagnose ADHS

[dropcap]D[/dropcap]ass bei Kindern viel zu häufig und anhand von Faustregeln ADHS diagnostiziert wird, sehen Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum anhand einer vorliegenden Studie belegt. Ihrer Meinung nach wurde zum Teil inflatorisch in den zurückliegenden Jahrzehnten bei Kindern, die als „schwierig“ oder „zappelig“ galten, ADHS diagnostiziert. Diese Auffassung teilt auch die Universität Basel.

Innerhalb von 12 Jahren, genau von 1989 bis 2001, liegt ein Anstieg von 381 % in der klinischen Praxis vor. Damit einhergehend haben sich die Medikamentenkosten für ADHS Präparate von 1993 bis 2003 um das neunfache erhöht. Ebenfalls für das leistungssteigernde Methylphenidat. Auch AHS (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung) wurde wurde überproportional diagnostiziert.

Für Versicherte von 6 bis 18 Jahren veröffentlichte die TK-Krankenkasse einen Anstieg bei Ritalin-Verschreibungen um 30 % von 2006 bis 2010. Selbst die verordnete Tagesdosis sei um 10 % angestiegen. Sogar Vorschulkinder würden bereits Ritalin erhalten.

Verantwortlich für den „Diagnose- und Verordnungswahn“ durch Kinderpsychiater bzw. Psychotherapeuten für Kinder werden Heuristiken und Entscheidungen nach prototypischen Symptomen gemacht, die häufig an die Stelle von gültigen Diagnosekriterien treten. Deutlich mehr Fehldiagnosen wurden zudem bei Jungen festgestellt.

Erstaunlich war: Jungen und Mädchen wurden mit den gleichen Symptomatiken im Test beschrieben. Die Jungen hatten angeblich ADHS; die Mädchen aber nicht.

Die Empfehlung lautet: Mit neuen empirischen Studien und der Empfehlung an alle Therapeuten sich nicht auf Intuitionen zu verlassen, sondern sich an festgelegten Kriterien und Leitlinien der Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie zu orientieren, sollen zukünftig neue Wege beschritten werden.

Fehldiagnose Kinder mit ME/CFS

Es geht um „Myalgische Enzephalomyelitis“ (ME). Auch bekannt unter der internationalen Bezeichnung: „Cronic Fatigue Syndrome“ (CFS). Hierbei handelt es sich um eine neuroimmunologische Erkrankung.

Obwohl ungefähr 300.000 Kinder alleine in Deutschland daran erkranken und 40 % nicht schulpflichtig sind, ist das Krankheitsbild relativ unbekannt. Daraus resultieren nicht nur Ärzteodyseen sondern vor allem auch Fehldiagnosen. Die „Lost Voices Stiftung“ (LVS) bemüht sich um eine Verbesserung der Situation.

Immer noch wird die Krankheit von vielen Kinder- und Jugendärzten als eine psychiatrische Erkrankung (Schulangst) fehldiagnostiziert. Aber Kinder mit ME/CFS sind auch am Wochenende krank. Es sind sogar so unfassbare Fälle bekannt, wo Kinder durch behördlichen Eingriff oder einem Kinderschutzverfahren von Ihren Eltern getrennt werden sollten und zum Teil auch wurden.

Kinder mit ME/CFS leiden unter Reizüberflutung (Berührung, Geräusche und Licht) und einer physischen Verschlechterung nach körperlicher und geistiger Belastung. Eine Aufklärungsoffensive zur Vermeidung von Fehldiagnosen und daraus resultierend von Fehlbehandlungen wird seitens der Lost Voices Stiftung durch Ihre Vorsitzende vehement eingefordert. Nur damit einhergehend, muss und kann es zu einer Vermeidung von zermürbenden Verfahren gegen Jugendämter, Schulbehörden sowie Kranken- und Pflegekassen kommen. Hinzu kommen muss eine bessere Ausbildung der Ärzte bezogen auf dieses Krankheitsbild, sowie eine Aufstockung der biomedizinischen Forschung zur Entwicklung wirksamer Therapien.

Fehldiagnosen bei Kindern im Bereich der Physis

Fehldiagnosen bei Kindern im Bereich der Physis | © panthermedia.net / Miroslav Beneda

Fehldiagnosen bei Kindern im Bereich der Physis | © panthermedia.net / Miroslav Beneda

Fehldiagnose Asthmatische Erkrankungen

Nach Schätzungen der WHO leiden weltweit ca. 230 bis 300 Millionen Kinder an Asthma. Einer niederländischen Studie ist zu entnehmen, dass bei Kindern häufig fälschlicher Weise Asthma diagnostiziert wurde, wie man sie hier einsehen kann, obwohl es gesicherte Methoden zur Diagnose von Asthma gibt.

Untersucht wurden von den Wissenschaftlern unter Leitung von Ingrid Looijmans-van-Aker in der Studie 656 Unterlagen, wobei festgestellt wurde, dass 53 % eine Fehldiagnose offenbarten. Obwohl diagnostiziert, waren diese Kinder nicht an Asthma erkrankt. Dabei schreiben internationale Richtlinien bestimmte Tests vor, die einer Diagnosestellung vorausgehen müssen.

Die Spirometrie als wichtigster Asthmatest gehört dazu. Es geht in diesem Verfahren um die Feststellung, wie hoch der Widerstand in der Lunge ist und wie gut oder schlecht die Atmung funktioniert. Diese Untersuchung wurde aber nur bei 16,1 % der Kinder durchgeführt.

Das Fatale an der Situation ist, dass die Kinder aufgrund der Fehldiagnose eine asthmatische Behandlung und somit falsche Behandlung erhielten. Asthmamedikamente haben zum Teil starke Nebenwirkungen. Auch die bei Asthma manchmal richtige Empfehlung, auf sportliche Aktivitäten zu verzichten, kann andere Atemwegserkrankungen mit asthmaähnlichen Symptomen noch verschlimmern.

Physische Fehldiagnosen bei sexuellem Kindesmissbrauch

Definition: Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in sexuelle Handlungen/Aktivitäten in die Sie entwicklungsbedingt nicht als gleichberechtigt agierende Personen einwilligen können.

Die Prävalenz liegt weltweit bei 12-13 Prozent (Mädchen 18 und Jungen 8 %), wie man auf aerzteblatt.de nachlesen kann. Im fachlich korrekten Vorgehen bestehen Unsicherheiten. Dies gilt auch in Bezug auf wissenschaftliche Grundlagen bei körperlichen Befunden mit sexuell assoziiertem Missbrauch. Viele Kinder weisen rein äußerlich keine oder kaum Missbrauchsschäden auf. Hinzu kommt die schnelle und meist vollständige Fähigkeit zur Regeneration des anogenitalen Gewebes, wodurch viele körperliche Spuren sehr schnell nicht mehr nachweisbar sind.

Und trotzdem oder gerade deswegen ist es von großer Wichtigkeit, anhand von korrekten Erhebungen, Dokumentationen und aktuellen – Evidenz basierenden – Interpretationen der erheblichen Implikation zum Schutz der Kinder vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken.

Fachspezifische und übergreifende Anforderungen an Betreuer, Ärzte und Gutachter

  • hohes emphatisches Gefühl verbunden mit rationalem und fachlich fundiertem Handeln
  • Kenntnisse in der Kinder- und Jugendgynäkologie
  • forensische Kenntnisse
  • Kenntnisse über die eingeschränkte Aussagekraft von med. Befunden
  • Kenntnisse und Berücksichtigung über/von aktuellen Empfehlungen, Leitlinien und Klassifikationen

Festzustellen bleibt, dass sich erst seit wenigen Jahren die thematische Auseinandersetzung zu einer evidenzbasierten Forschung sowie einer konsensus-basierten Festlegung der „Best Clinical Practice“ entwickelt hat. Die fachliche Akzeptanz kann mittlerweile auch in Deutschland festgestellt werden.

Fehldiagnose „plötzlicher Kindstod“

Der plötzliche Tod eines kleinen Kindes ist für alle Betroffenen die wohl schlimmste Situation und psychisch nur sehr schwer zu verkraften. Wenn sich dann im Nachhinein herausstellt, dass die Diagnose „plötzlicher Kindstod“ nicht zutreffend war, tritt für viele eine praktisch nicht auszuhaltende Situation ein. Hier gibt es dazu ebenfalls einen sehr interessanten Beitrag mit Referenz zu dieser Studie.

Viele Eltern stellen sich die Frage: Hätte meinem Kind geholfen werden können? Eine Frage, die so pauschal nicht zu beantworten ist. Fataler Weise wird als „plötzlicher Kindstod“ häufig die Erbkrankheit Spinale Muskel-Athropie (SMA) diagnostiziert. Zusammen mit der Stoffwechselkrankheit Phenylketonurie steht sie nach der Mukoviszidose auf Platz 2 der autosomal rezessiven Erbkrankheiten.

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Wie aber kann es zur Fehldiagnose „plötzlicher Kindstod“ kommen

Es tritt eine schleichende aber zunehmende Schwäche der Rumpfmuskulatur und der Gliedmaßen auf, weil sich in einem Teil des Rückenmarks die Nervenzellen immer weiter abbauen. Je mehr Nervenzellen schließlich versagen, umso weniger Nervenreize kommen in den einzelnen Muskelzellen an und die Kinder sterben teilweise schon nach wenigen Wochen.

Eine andere Form SMARD-1 [= spinale Muskelatrophie mit schwerer Atemnot (respiratory distress)] geht sogar einher mit einem zunehmendem Versagen der Zwerchfellmuskulatur. Mit der Zeit kommt es zu einem Erstickungstod.

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Diagnose „plötzlicher Kindstod“ durch Epilepsie

Die differenzialdiagnostische Abklärung einer kardiogenen Synkope im Vergleich zu einer Epilepsie ist relativ schwierig. Spätestens wenn ein Kind auch nach Jahren nicht mit einer Verbesserung auf Antiepileptika anspricht, sollte ein kardiogenes Geschehen in Betracht gezogen werden. Aufschluss kann ein Loop-Recorder (EKG-Dokumentation) während eines „epileptischen Anfalls“ liefern. Manchmal liegen Bradyarrhythmien oder Asystolien mit konvulsiver Symptomatik vor.

Als Therapie wurde ein Schrittmacher eingesetzt und die Absetzung des Antiepileptikas eingeleitet. Bei den meisten kam es zu einem asymptomatischen Verlauf in Folge dieser Vorgehensweise. Die „epileptischen Symptome“ waren also nicht epileptischer sondern kardiogener Natur.

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Allgemein Anmerkung

„Übersieht der Arzt veröffentlichte neue Behandlungsmethoden und hält er an Überholtem fest, so handelt er pflichtwidrig (BGH NJW 1978 587, OLG Bamberg VerR 1977 436). Eine wissenschaftliche Psychotherapie kann es sich daher nicht mehr leisten, dieses Thema als Nebenschauplatz am Rande zu behandeln. Quelle: sgipt.org

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Fazit Fehldiagnosen bei Kindern

Fazit Fehldiagnosen bei Kindern | © panthermedia.net / photographee.eu

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Es bleibt die Frage zu klären: Wie kann Fehldiagnosen entgegengewirkt werden? Müssen Eltern als Erziehungsberechtigte mit Fürsorgepflicht durch medizinische Aufklärung stärker sensibilisiert werden für unterschiedliche Formen der Diagnostik und Therapie? Müssen Sie in dieser Funktion gestärkt werden durch unabhängige Betreuungsorgane, damit Sie gezielter und offener bei Ärzten und Therapeuten nachhaken, unter Umständen widersprechen oder auf andere Möglichkeiten aufmerksam machen?

Die Situation bei den Ärzten und Therapeuten. Ist sie verbesserungswürdig? JA! Wenn man alleine die hier aufgeführten Beispiele zugrunde legt. Wenn festgelegt ist, dass “ wenn der Arzt veröffentlichte neue Behandlungsmethoden übersieht und an Überholtem festhält, er pflichtwidrig handelt (BGH NJW 1978 587, OLG Bamberg VerR 1977 436), dann muss es für die Ärzteschaft doch eigentlich verpflichtend sein, sich in diesem Zusammenhang STÄNDIG weiterzubilden.

Dies sollte im Interesse der Kinder, der Familien und nicht zuletzt auch im Sinne eines positivem Kostenmanagement eingefordert werden können. Dies wären zumindest zwei Wege, um Fehldiagnosen bei Kindern entgegenzuwirken.