Der weibliche Körper nach der Geburt

[dropcap]D[/dropcap]as Wochenbett ist etwas, was man heutzutage gar nicht mehr so einfach versteht. Der Begriff ist schon etwas altmodisch, denn was hat ein Bett mit Wochen zu tun? Tatsächlich geht es um die Zeitspanne nach der Geburt eines Kindes, die die Mutter braucht, um wieder komplett in den Alltag zu finden. Eine Geburt wird heutzutage meist als Routine in einer Klinik unter ärztlicher Betreuung abgewickelt, Mutter und Kind werden am nächsten Tag (spätestens nach einer Woche) nach Hause entlassen und sind damit wieder „gesund“. Eine Hebamme kommt noch ein paarmal vorbei, um Säugling und Mutter zu untersuchen, der Alltag hat nach spätestens zwei Wochen für die meisten Mütter wieder begonnen.

Die Veränderungen, die die während der Schwangerschaft stattfinden, brauchen ganze neun Monate – wie sollen die innerhalb von wenigen Tagen wieder rückgängig gemacht werden? Und vor allem: Mütter stillen. Die Milchproduktion setzt eine komplette Umstellung des körperlichen Energiehaushalts voraus sowie einer Neuordnung der Hormone. Es geht also einiges im Körper der Frauen vor, wenn die Entbindung geschafft ist – und das auch, wenn es nicht zu Komplikationen kommt.



 

Offensichtliche Veränderungen nach der Geburt:
Der Bauch

Ganz offensichtlich sind die Veränderungen, die im Bereich des Bauchs nach der Geburt vonstatten gehen. Während der Schwangerschaft hat sich die Gebärmutter im gesamten Unterleib ausgebreitet, hat Organe, Muskeln und anderes Gewebe verdrängt. Das Neugeborene liegt nun im Arm der Mutter – und die Gebärmutter muss sich wieder zurückbilden. Normalerweise zieht sich innerhalb der ersten vier Tage nach der Geburt auf ihre normale Größe zusammen, oft auch schon schneller.

Was passiert nun mit dem übrigen Zeug, das im Bauch ist?
Da die Muskulatur von der Schwangerschaft noch stark gedehnt ist, müssen die Organe erst langsam wieder an ihren Platz finden. Körperliche Schonung ist also angesagt, die Mütter sollen viel liegen, nur gestützt sitzen und nichts heben. Denn die Muskulatur zieht sich nur langsam wieder zusammen, und nur wenn sie wieder am üblichen Platz sitzt, hält sie alles im Bauch da, wo es hingehört.

Betroffen von diesen Veränderungen sind nicht nur die schrägen und geraden Bauchmuskeln (die zusammen das sexy Sixpack bilden), sondern auch der Beckenboden, der aus den Muskeln des inneren Beckenbodens (den fühlen die meisten Damen nicht) und denen des äußeren Beckenbodens (genau, beim Wasserlassen …) besteht.

Alle Sehnen und Bänder, die die Knochen und Muskulatur von Brustkorb, Bauchraum, Gesäß und Oberschenkel zusammenhalten, hängen auch damit zusammen. Bitte fangen Sie nun nicht am Tag nach der Entbindung an, Ihren Beckenboden zu trainieren! Überdehnte Muskeln darf man nicht reizen, die müssen sich erst erholen. Sonst kann es zu schmerzhaften Komplikationen kommen.


Schmerzen?
Ja richtig, da waren noch andere Schmerzen. Die Nachwehen nämlich, die nicht nur direkt nach der Entbindung spürbar sind, sondern mehrere Tage bis zu zwei Wochen anhalten können. Die Nachwehen sind wichtig, denn die helfen der Gebärmutter, sich wieder auf ihre normale Größe zusammenzuziehen. Außerdem befördern sie das Blut aus dem Körper, das im Wochenbett fließt.

Das Blut kommt aus der Wunde in der Gebärmutter, die die abgelöste Plazenta bei der Entbindung hinterlassen hat. Das ist eine recht große Wunde, die langsam heilt. Die Schmerzen heißen Nachwehen, weil sie ähnlich wie die Geburtswehen schmerzen, aber auch, weil sie grundsätzlich aus der gleichen Bewegung heraus entstehen: Die Gebärmutter kontrahiert.

Kurioserweise hängen Nachwehen und Stillen eng zusammen. Wenn das Neugeborene an die Brust angelegt wird, saugt es. Das regt die Bildung bestimmter Hormone im Körper an, die sofort die Milchbildung in Gang setzen – schon wenige Minuten nach der Entbindung, und bis zum Ende der Stillzeit. Die für die Milchbildung verantwortlichen Hormone sind es aber auch, die die Nachwehen auslösen. Es ist also ganz natürlich, dass erstens das Wochenblut stärker fließt und zweitens die Nachwehen besonders schmerzhaft sind, wenn der Säugling gerade trinkt. Die Schmerzen werden allerdings mit der Zeit weniger.


Noch mehr Hormone
Die hormonelle Umstellung nach der Geburt richtet allerdings noch mehr an. Es kann zu Depressionen kommen. Die körperliche Trennung von Mutter und Säugling bei der Geburt wird im sogenannten Wochenbett-Blues spürbar. Für Außenstehende ist das völlig unverständlich, wer aber selbst Kinder hat, kennt das: Das Neugeborene ist das süßeste Neugeborene überhaupt, und die Mutter heult sich die Seele aus dem Leib. Warum ist das so? Daran sind die Hormone schuld, die von „Schwangerschaft“ auf „nicht mehr schwanger“ umstellen müssen und gar nicht schnell genug sind. Der Körper fühlt den Verlust des Säuglings und reagiert mit Trauer, mit einer Depression – so, als wäre das Kind gestorben, verloren gegangen oder anderweitig unerreichbar. Mütter, die ihr Neugeborenes immer bei sich haben und möglichst viel Körperkontakt halten, den Säugling stillen und im Tragetuch haben, leiden tendenziell nicht so sehr wie Frauen, die ihr Kind im Kinderbett schlafen lassen, die Flasche geben und wenig Körperkontakt haben.


Andere Veränderungen finden auch statt

Es muss einfach auch angesprochen werden: Die meisten Geburten gehen mit Verletzungen im Genitalbereich einher. Es muss nicht gleich der Dammschnitt (medizinisch Episiotomie) sein – kleinere Geweberisse, feine Abschürfungen an den Schamlippen und Risse im Scheidenbereich sowie an der Klitoris werden unter der Geburt oft gar nicht bemerkt, erweisen sich aber im Wochenbett als durchaus schmerzhaft. Natürlich sind sie das! Und jede Frau hat ein Recht, darüber zu jammern. Ein aufgeschürftes Knie ist schon schlimm genug – im Genitalbereich ist die Haut von einem ungleich dichteren Netz von Nerven durchzogen (was selbstverständlich auch Vorteile hat, wenn man an die schönsten Stunden in nicht jugendfreier Zweisamkeit denkt). Das schmerzt also noch mehr. Dazu kommt, dass diese Wunden nicht so einfach trocken und sauber gehalten werden können. Sie sind beim Urinieren betroffen (Harn brennt), und der Wochenfluss wird genau da aufgefangen. Das stört die Wundheilung.

Eine gute Hebamme empfiehlt ein medizinisches Bad oder Reinigung durch Spülungen. Weidenrindenextrakt hilft bei der Wundheilung und kann dem Badewasser zugesetzt werden (ja, Sitzbäder sind auch im Wochenbett erlaubt). Arnikatinktur von Weleda kann mit etwas Wasser gemischt werden und nach dem Toilettengang zur nassen Reinigung im Genitalbereich angewandt werden. Wer die Wunden sauber hält, wird keine Komplikationen erleben, sondern schnelle, saubere Heilung.

Was ist mit Wassereinlagerungen? Viele Frauen leiden während der Schwangerschaft darunter. Im Wochenbett baut der Körper das eingelagerte Wasser normalerweise sehr schnell wieder ab. Medikamente sind dafür nicht nötig, solange eine Mutter ihr Neugeborenes stillt, sollte sie ohnehin keine Medikamente zu sich nehmen. Denn die meisten Medikamente gehen in die Muttermilch über, werden beim Stillen also an den Säugling weitergegeben. Sollten Wassereinlagerungen ein Problem sein, wird auch da die Hebamme Rat wissen.

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Das Wochenbett im Überblick

Was müssen Sie im Wochenbett beachten? Was genau geht in Ihrem Körper vor sich? Hier noch einmal ein kurzer Überblick:

  • Wundheilung: Geburtsverletzungen, die gepflegt werden, heilen in der Regel recht schnell.
  • Nachwehen: Die hat jede Frau, sie helfen der Gebärmutter, ihre ursprüngliche Größe wieder einzunehmen.
  • Beckenboden: Der braucht länger, um sich zu erholen. Mehrere Monate nämlich, und viel Rückbildungsgymnastik hilft ihm.
  • Wochenfluss: Halten Sie sich sauber. Die Vorlagen sollten regelmäßig gewechselt werden, duschen Sie lieber statt zu baden. Ausnahme: Sitzbäder, die der Wundheilung dienen.
  • Depression: Eine Wochenbettdepression ist kein Spaß. Holen Sie sich ärztliche Hilfe, wenn Sie sich wirklich schlecht fühlen.
  • Stillen: Funktioniert von Natur aus, denn die Busen sind für die Milchbildung da. Das wichtigste machen die Hormone ohnehin, ohne Sie um Erlaubnis zu fragen. Die Hebamme kann aber helfen, wenn es Probleme gibt.
  • Komplikationen: Die sollte es nicht geben. Wenn doch, kontaktieren Sie Ihre Hebamme oder Gynäkologen.
  • Fettpölsterchen und Wassereinlagerungen: Beides sollte sich schon im Wochenbett von alleine zurückbilden. Haben Sie Nachsicht mit Ihrem Körper, wenn er etwas länger braucht.

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Und wie lange dauert das Wochenbett?

Das Wochenbett wird in mehrere Phasen unterteilt, die sich nach dem Befinden der Mutter richten. Die sollte das Bett während der ersten Phase (7 Tage) traditionell nicht verlassen, während der zweiten Phase (insgesamt 14 Tage) das Zimmer nicht verlassen, während der dritten Phase (insgesamt vier Wochen) das Haus nicht verlassen. Die übrigen vier Wochen, die das insgesamt zweimonatige Wochenbett betreffen, sind mit wenig körperlicher Arbeit, viel Unterstützung und Konzentration auf den Säugling verbunden.

Hebammen nehmen das Wochenbett normalerweise recht ernst, und sie haben Recht damit. Natürlich wird es keine Frau gerne hören, wenn sie das Haus vier Wochen lang nicht verlassen darf (Sie haben einen Garten oder einen Balkon? Dann trifft Sie das gar nicht so schlimm!). Aber rein medizinisch ist das durchaus sinnvoll.

Übrigens besteht in einigen Religionen die genaue Anweisung, dass während des Wochenflusses, also der Wundheilung nach der Geburt, auch kein Geschlechtsverkehr stattfinden darf. Wenn man bedenkt, was der weibliche Körper bei der Entbindung geleistet hat (und wie lange man nach einer größeren Verletzung das betroffene Körperglied nicht belasten darf), dann ist das sinnvoll. Und abgesehen davon ist es ein hygienisches Gebot: Während des Wochenflusses besteht für die Damen Infektionsgefahr. Schonen Sie sich also, hören Sie auf Ihre Hebamme, und schicken Sie Ihren Mann zum Einkaufen.



 

Bild: Thinkstockphotos (iStock)

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